Open/Close Menu Akzeptanz, Vertrauen, Perspektive

Düsseldorf (RPO)
Sergej Aruin beschäftigt sich seit Jahren mit den russisch-sprachigen Jugendlichen in der Stadt. Obwohl es ruhiger um sie geworden ist, warnt der Sozialarbeiter: Gewalt und Alkohol sind an der Tagesordnung, zu wenig wurde bisher dauerhaft erreicht.

VON GÖKÇEN STENZEL
zuletzt aktualisiert: 16.03.2007 um 09:05

Rund 250 Russlanddeutsche zwischen 14 und 26 Jahren betreut der Verein „Akzeptanz, Vertrauen, Perspektive“ (AVP). In den vergangenen Jahren haben es die zwölf Mitarbeiter um ihren Chef Sergej Aruin geschafft, die Jugendlichen aus den Schlagzeilen zu holen. „Unter der Oberfläche aber brodelt es“, sagt Aruin, der schon 2003 mit seinem Film „Garathowska“ auf die Probleme der Gruppe hingewiesen hat.

Herr Aruin, Sie machen Streetwork auch in Rath. Beschreiben Sie die Jugendlichen, um die es dort geht.

Aruin: Es sind etwa 50 junge Leute, die sich am Rather S-Bahnhof und am russischen Lebensmittel-Laden treffen. Die Hälfte von ihnen ist arbeitslos, die andere Hälfte orientierungslos. Wir spielen dort „Feuerwehr“ mit drei Streetworkern, verhindern Drogendelikte und Gewalt größtenteils, aber eigentlich wäre eine gezielte Berufsberatung nötig.

Die können Sie nicht leisten?

Aruin: Wir sind eine kleine Organisation mit schmaler finanzieller Unterstützung. Wir suchen noch immer einen Raum in Rath und sind angewiesen auf die Hilfe der Politiker und der Bürger. Wir müssen den Jugendlichen das Gefühl geben, dass sie hier angenommen werden. Bisher erleben sie das nicht so.

Sie brauchen also mehr Geld?

Aruin: Geld ist das eine, sicher. Wir bräuchten aber auch eine Ordnungspartnerschaft, wie es sie an einigen Schulen gibt. Wir schaffen es nicht allein, brauchen Ordnungsamt und Polizei ebenso wie vielleicht eine Kooperation mit dem Mädchenhaus. Viele unserer Mädchen stehen unter enormem Stress, vor allem in den Familien. Wir bieten zwar eine sehr effektive Familienberatung an, doch die reicht nicht. Eine Begleitung in andere Beratung wäre gut. Ich wünsche mir eine engere Zusammenarbeit auch mit der Bezirkspolitik.

Warum? Es ist doch ruhig derzeit.

Aruin: Das stimmt. Doch unter der Oberfläche brodelt es: Bei den Jugendlichen – auch in anderen Stadtteilen – herrscht Faustrecht. Der stärkste Mann sagt, wo es lang geht. Alkohol gehört ganz selbstverständlich dazu, auch illegale Drogen und Beschaffungskriminalität spielen eine Rolle. Die Gewaltbereitschaft ist nach wie vor hoch.

Was ist aus den Jugendlichen geworden, die Sie vor Jahren betreut haben?

Aruin: Viele sind in Haft, 80 Prozent wegen Drogendelikten – übrigens auch Jungen, die ich damals für „Garathowska“ interviewt habe. Das JVA-Projekt, das ich zwei Jahre lang angeboten habe, ist aus finanziellen Gründen ausgelaufen, so dass wie uns nicht mehr um Haftentlassene kümmern können.

Und die anderen?

Aruin: Einige leben von Hartz IV, ein kleiner Rest hat es geschafft.

Was haben Sie bisher erreicht?

Aruin: Die Jugendlichen sprechen jetzt besser Deutsch und kennen sich besser aus. Sie sind gute Schüler inzwischen. Dennoch kapseln sie sich ab, bleiben eine homogene Gruppe. Und: Sie haben nach wie vor keine klaren Pläne für ihre Zukunft. Diese Mischung macht sie zu einer tickenden Zeitbombe.

Quelle: RP, http://www.rp-online.de/region-duesseldorf/duesseldorf/nachrichten/eine-tickende-zeitbombe-1.1118283

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